„Come in we are open“ – Eine Spurensuche im Kosmos von muche

Text zum Ausstellungskatalog von Petra Mostbacher-Dix   

Höchst aufmerksam sind sie, beobachtend. Nichts scheint ihnen zu entgehen, gleich, wo man sich im Raum aufhält. Die Rede ist von den exotischen Augen, die da aus dem mehrteiligen Bild an der Atelierwand blicken. Doch wen hat die Künstlerin muche da mit Acrylfarbe auf die Leinwand gebannt? Einen Tiger? In der Tat. Der gestreifte Kopf des wilden, stolzen Tieres ist erst aus der Ferne so richtig zu erfassen – „rrhhhggg“, plötzlich bekommt die Lautmalerei der Bezeichnung eine Bedeutung. Ja, manchmal spielt einem die Wahrnehmung Streiche. Und oft braucht es Abstand, um das große Ganze, das uns umgibt, nicht nur in den Augen zu behalten, sondern es vor allem auch zu erkennen und zu begreifen. Das gilt für die Werke der Stuttgarterin insbesondere – sowie für das Leben und das, was sie konstituiert, die Gesellschaft. Hier sind wir schon mitten drin, im Kosmos von muche, in der auf den ersten Blick alles ist, aber auf den zweiten nichts so ist, wie es scheint.

Nehmen wir einen anderen Vielteiler. Hier ist es ein Totenkopf, der sich langsam aus den Tiefen der Malgründe hervorschält. Gesetzt den Fall, die Einzelteile werden nicht umgehängt, was möglich ist. Denn anders an- und untereinander angeordnet sieht die Bilderwelt der muche schon wieder neu aus. Da sind dann mal Schönheiten zu entdecken, etwa Marilyn Monroe als Inbegriff des ewigen, gleichwohl tragischen Sexsymbols. Der Papst findet sich ebenso ein, wie allerlei Superhelden, die – „Snap“ – scheinbar die Welt retten. Oder auch nicht, weil sie gar nicht echt sind, nur Vor-Spieler und Projektionsflächen für die Sehnsüchte, Wünsche und Ängste des Betrachters. Da kann Superman, noch so stramm den Arm gestreckt, quer über die Leinwand fliegen, die Lauscher des Batman-Kostüms mögen noch so angespitzt sein. Letztlich sind alles nur Larven.

Gibt es vielleicht eine Zuflucht? „Come in we are open“ ist auf einem Bildgrund zu entdecken. Eine freundliche Einladung, aber offen wofür? Und offen wohin? Gibt es drinnen was zu kaufen, womöglich superbillig oder gar gratis? In einem neuen, nur anderen Tempel des Konsums, um das System zu erhalten? Oder hält das Zeichen, was es verspricht? Gastfreundschaft, Wärme, Hilfe, Offenheit für die Anliegen und Dinge, die einen treiben, zu betrachten, zu diskutieren, auszuloten, vielleicht gar zu lösen – unvoreingenommen, ehrlich, angstfrei, ganzheitlich, mit dem Willen, vielleicht neue Wege zu entdecken und diese auch zu beschreiten. Schaut daher die Frau mit dem Kopfputz so fragend, sich ihrer selbst bewusst werdend, während drunter ein Mann eine andere küsst? Eine Frau im Übergang, in einer „Transition“. Auch ihr Blick lässt den Betrachter nicht los, wie die der gefährlichen Tiere, horrenden Monster, sexy Babes, idolisierten Stars, heiligen Engel, predigenden Kirchen – oberen, kämpferischen Heldenfiguren, scheinbar idealen Schönheiten und alles, was uns sonst noch so im Fernsehen, in Filmen, Magazinen, Nachrichten, Zeitungen, auf den Straßen begegnet.

Sie alle geben sich ein dichtes Stelldichein bei muche. In knallenden Farben, rasternden Punkten, glitzernden Folien:  Es klirrt, flirrt, irritiert, rebelliert, denn kaum erkannt, entschwinden sie wieder, die modellartigen Gesichter, Comicikonen, Tiere, Symbole, Zeichen, die uns scheinbar optischen Halt geben. Neues tut sich auf, in verschiedenen Techniken:  Da wird nicht nur gemalt mit schnell trocknendem Acryl im Dialog mit den Sujets, da wird auch gezeichnet, überdruckt, mal pastos, oft lasierend, um aufreizende Einblicke in das Darunter zu gewähren, Transparenz zu suggerieren – und  dann doch nicht alles freizugeben. Und freilich wird collagiert, etwa Punkte per Hand aufgeklebt, bis aus dem Raster ein Gesicht oder anderes entsteht – und die digitale Welt ad absurdum geführt.

Muche arbeitet in Serien. Hinterfragt, was Engel und Helden eigentlich sind, was sie uns heute bedeuten. Was real und irreal, Wunschdenken und Wahrheit, aufoktroyierte Sehnsüchte und echte Bedürfnisse sind. Wie in Metamorphosen, in denen aus Verpuppungen mitunter schönste Schmetterlinge schlüpfen – in der griechischen Mythologie die Seele, im Christentum für Auferstehung symbolisierend –, gehen ihre Protagonisten durch „Transitionen“, machen Phasen durch, wechselnde Zustände, entwickeln sich in die eine oder andere Richtung. Ihre „Dissections“, ihre Zergliederungen von Bildteilen, zeigen nicht nur, wie viele Darstellungen, damit Sehweisen und Möglichkeiten, in einem Bild stecken. Sie führen auch vor, dass  die Dinge dieser Welt nicht schwarz oder weiß sind, sondern es viele Zwischentöne gibt, viele Schichten, viele Schattierungen und Nuancen, eben Perspektiven. Sind Monster wirklich böse? Sind Modellmaße wahre Schönheit? Und steckt hinter manchem super Fledermausmann doch eher ein „Bad Man“ – „Biedermann und die Brandstifter“ lassen grüßen. In seinem Drama, einem ›Lehrstück ohne Lehre‹, beschreibt der Schweizer Schriftsteller Max Frisch, wie guter Wille falsch verstanden und angewendet zum Zündfunken für Katastrophen werden kann.

Nicht von ungefähr greift muche in ihren Werken unter anderem Zitate und Stilelemente – neben vielen anderen – von Pop Art, Street Art oder Graffiti auf. Denn dort spielt das Leben, dort stoßen die Kulturen und sozialen Schichten aufeinander.  Und nicht von ungefähr hat sie als Titel für ihre aktuelle Präsentation „Intoxication Morale“ gewählt, die vergiftete Moral. Was meint dieser Begriff heute? Und wie ist es um die viel beschworene ›Political Correctness‹, die politische Korrektheit bestellt? Faktisch definiert bezeichnet die Moral jene Muster, Konventionen, Regeln und Prinzipien, nach denen bestimmte Individuen, Gruppen oder Kulturen handeln. Doch welche Moral welcher Gruppe ist die richtige? Wer bestimmt sie?  Wie beeinflussen sie ein Individuum in Zeiten der unbändigen Bilder- und Informationsflut? In Zeiten, in denen Menschen in den Filterblasen ihrer Apps die neuesten News vorab sondiert, damit oft einseitig, bekommen und sich ständig selbst bestätigen. In einer Ära, in der unablässig die Schönste, der Beste, der Größte in Shows gesucht und vorgeführt wird, in der die Oberfläche, der schöne Schein über das Sein triumphiert, mutet ein Zitat des amerikanischen Zukunftsforschers John Naisbitt aktueller denn je an. Er schrieb bereits 1982 in seinem Buch „Megatrends“: „Wir ertrinken in Informationen und dürsten nach Wissen.“

Insofern erzählen die inszenierten Bildräume muches auch vom Zustand dieser Welt, von den Narrationen der Generationen und der Jetztzeit. Auch Historiker wie Per Leo betonen, dass es darum geht, diese Geschichten und Legenden der verschiedenen Systeme, der Gesellschaften zu untersuchen, die Symbole unter die Lupe zu nehmen, deren Sinn und deren womöglicher Sinn-Entleertheit auf den Grund zu gehen. Nur so könnten neue, zukunftsträchtige Narrationen entwickelt werden. Genau auf diesem Feld bewegt sich muche.

Sind ihre Inszenierungen also Abgrund oder Paradies? Muche fordert die Wahrnehmung. Ihr Panoptikum ist eine Analyse der Welt, eine Spurensuche nach Werten, Hoffnung, Haltung. Haarscharf – aber ohne moralinsauer erhobenen Zeigefinger – stellt die Künstlerin übermäßig bediente Kategorien zur Disposition, lässt den Betrachter entscheiden: Was ist gut und böse, schön und hässlich? Welches sind echte, welches falsche Helden? Was sind meine Helden? Habe, brauche ich überhaupt welche? Helden werden nicht geboren, sie werden gemacht. Nach dem US-amerikanischen Schauspieler Dustin Hoffmann müssen Menschen Helden sein, um den Lebenskampf zu bestehen. Wie schreibt noch der deutsche Dramatiker Berthold Brecht in seinem Stück das „Leben des Galilei“? Als darin der Universalgelehrte vor der Inquisition sein Heliozentrisches Weltbild widerruft und sein enttäuschter Schüler schreit: „Unglücklich das Land, das keine Helden hat“, lässt er Galileo Galilei sagen: „Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.“

Ausstellungen (Auswahl)

Art Karlsruhe
Februar 2020

muche – Art Karlsruhe

Messestand Kunsthaus Frölich, Karlsruhe, DE

Februar 2020
o.T.
Dezember 2019

muche – Städtische Galerie Böblingen

Ausstellung “Netzwerkerinnen der Moderne – 100 Jahre Frauenkunststudium” in Städtischen Galerie in der Zehntscheuer Böblingen, DE

Dezember 2019
Art Bodensee_II
Juli 2018

muche – Art Bodensee

Messestand Kunsthaus Frölich, Dornbirn, AT

Juli 2018
Einladung GARP
Mai 2017

muche – GARP

Ausstellung “S-CH-EIN!” im GARP-Bildungszentrum in Plochingen, DE

Mai 2017
o.T.
Januar 2016

muche – TAXGATE

Ausstellung “muche-art” bei TAXGATE in Stuttgart, DE

Januar 2016
cherry
April 2015

muche – Langs Haus

Ausstellung im Atelier muche in Stuttgart, DE

April 2015
2011

muche – Frisierbar

Ausstellung in der Frisierbar Stuttgart, DE

2011
2010

muche – Tempus

Ausstellung im Tempus/ Haus der Geschichte in Stuttgart, DE

2010
2009

muche – Katharinenhospital

Ausstellung “Engel” im Katharinenhospital in Stuttgart, DE

2009
2008

muche – VBKW

Ausstellung im Verband Bildender Künstler und Künstlerinnen in Stuttgart, DE

2008
2007

muche – Grasse

Ausstellung auf dem Place de la Poissonnerie in Grasse, FR

2007
2006

muche – Tannenstrasse

Ausstellung in der Tannenstrasse in Stuttgart, DE

2006
2003

muche – Voeux d’Artistes

Gruppenausstellung Voeux d’Artistes in Marseille, FR und in Aix en Provence, FR

muche – Verwaltungsgericht

Ausstellung “Monster und andere Zeitgeister 3” im Verwaltungsgericht Stuttgart, DE

2003
2002

muche – Insomnia

Ausstellung “Monster und andere Zeitgeister 2” bei Insomnia Stuttgart, DE

muche – Epicerie fine

Ausstellung in der Epicerie fine, Stuttgart, DE

muche – Wilhelmspalais

Ausstellung “Monster und andere Zeitgeister” im Wilhelmspalais Stuttgart, DE

2002
2001

muche – Yellow Concept

Ausstellung im Yellow Concept in Gunzenhausen, DE

muche – Parkhotel

Ausstellung “Hotelgeister” im Parkhotel in Ostfildern, DE

2001
1998

muche – Yellow Fish

Ausstellung im Yellow Fish in Dresden, DE

1998
1997

muche – Akademie der Bildenden Künste München

Gruppenausstellung in der Akademie der Bildenden Künste München, DE

1997
1996

muche – Mallorca

Ausstellung in Calvia, Mallorca, ES

1996